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Geschlossen – Closed

Es ist vorbei. Hier. Aber dort geht es weiter:

texstil.net

Ein Blog Für Alles Tägliche.

Bis gleich!

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It’s closed. Here. New stuff is elsewhere:

texstil.net

A blog for daily snapshots.

See you!

Im zarten Alter von 8 Jahren hatte Lukas bereits den Ruf, ein Junge mit einem ganz besonderen Talent zu sein. Er konnte seine Klassenkameraden zu immer neuen Lausbubentaten überreden, ohne dass er selbst als Anstifter in Erscheinung hätte treten müssen. Erwischt wurden immer nur seine Kumpels, die ganz unbedarft das ausführten, was er ihnen in geheimer Runde befehligte. So wurde Martin dabei ertappt, als er der ungeliebten Banknachbarin von Lukas Zahnpasta auf das Pausenbrot schmierte. Besagte Schülerin hatte Lukas mehrfach einen Esel vor versammalter Klasse genannt, und Martin musste ihr nach seiner “Schandtat” eine Woche lang blankpolierte Äpfel mitbringen. Nicht besser erging es Heinrich, der der Klassenlehrerin einen Eimer Flüssigkeit über dem Kopf ausleerte – aus dem ersten Stock des Gebäudes wohlgemerkt. Der strenge Geruch, dem der Lehrerin für den Rest des Tages anhaftete war es wohl, der Heinrich einen saftigen Eintrag ins Klassenbuch und einen blauen Brief an die Eltern bescherte. Die Lehrerin hatte einige Tage zuvor Lukas eine Strafarbeit aufgebrummt, weil er den Unterricht durch permanent lautes Reden gestört hatte.

Im Erwachsenenalter konnte Lukas eben diese Eigenschaft gezielt dazu einsetzen, Mitarbeiter und Vorgesetzte gegeneinander auszuspielen. So stieg er unaufhörlich Position um Postion höher, machte sich wenig Freunde, aber auch nur indirekte Feinde, war seine ausgefeimte Taktik doch von der Art, die ihm keine direkten Unannehmlichkeiten brachte, konnte ihm ja niemand jemals seine Machenschaften eindeutig nachweisen.

Die Begabung andere nach seinem Willem zu manupulieren schützte Lukas jedoch nicht vor einem unverhältnismäßig hohen Arbeitsaufkommen. So arbeitete er beinahe rund um die Uhr, 12 Stunden am Tag waren sein normales Pensum, und auch am Wochenende blieb ihm kaum Zeit, etwas außerhalb der betrieblichen Mauern zu unternehmen. Lukas war verheiratet, hatte insgesamt 3 Kinder, deren Geburtstage er sich in  seinen ständigen elektronischen Begleiter eintragen musste (von dem Hochzeitstag ganz zu schweigen). Lukas sagte, dass er nie ein anderes Leben gewollt habe als eben dieses, und dass man eben etwas leisten müsse, um dort zu sein, wo er sei. Was er verschwieg waren die Begegnungen, die ihn dahin gebracht hatten, wo er war. Er fühlte sich im Recht, arbeitete er doch hart und unnachgiebig, war er doch quasi rund um die Uhr erreichbar, um Probleme aus dem Weg zu räumen – koste es, was es wolle. Sollten doch andere die Abstriche machten, sollten diejenigen, deren Engagement zu wünschen übrig ließ oder die so verdammt tumb und ohne nachzudenken Anweisungen ausführten, vor die Hunde gehen. Egal war es ihm gerade.

Am 23. Dezember 200x, einen Tag vor dem Heiligen Abend, erschien dem Lukas ein Engel. Mit dem eisernen Schwert in der Hand sprach die Lichtgestalt zu ihm stundenlang, und hörte ihm stundenlang zu. Am 24. Dezember stand das Herz des Lukas still und wollte – trotz verschiedener Re-Animationsmaßnahmen – nicht mehr schlagen. Der Lukas lag stumm, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, fast sympatisch, und war 43 Jahre alt, geläutert.

Der letzte Gang

“Nach sieben Jahren Dienst beim Königlich-Walisischen Regiment ist die Ziege Billy in den Ruhestand verabschiedet worden. Als die neunjährige Ziege, die eigentlich William Windsor heißt, für ihre Reise in einen Zoo von ihrem Gatter zu einem Hänger geleitet wurde, standen Soldaten des Regiments Spalier.”
Aus der Berliner Zeitung . Nummer 117 . Freitag, 22. Mai 2009

“Bald nun ist es …” so dachte sich William Windsor, von seinen engsten Freunden nur Billy (the) Goat genannt, ” … bald nun ist es vorbei, dass ich ein ständiges Schaulaufen zu tun gezwungen bin. Einmal noch wird es sein, dass ich vorbei an einem Spalier stolzieren muss, im Gleichschritt vorbei an Männern in roten Jacken mit Mützen so hoch wie ein Turm und so fellig wie eine Ziege. Und bin ich dann doch nur ein g(r)eiser General a.D. so werde ich auf der hochgewachsenen Wiese herumspringen wie ein junges Zicklein und um das weibliche Geschlecht werben wie ein Bock im besten Alter.”

“Drei Schritte noch bin ich entfernt vom himmlischen Gefährt, das mich zum saftig grünen Paradies auf Erden bringen soll. Zwei nur noch und ich bin dem Garten Eden ein Stück näher. Ein letzter Schritt …”.

Sein letzter Schritt,
das Herz ausglitt.
Da fiel er um,
wie dumm.

Parkleiche

An einem Tag im frühling wurde in einem Berliner Stadtpark eine weiblicheparkleiche1 von einem Spaziergänger und seinem Dackel entdeckt. Die Frau war erstickt worden. Nach Recherchen der Polizei handelt es sich um die 31-jährige Karin S.

Zur Person

Karin S. wurde an einem kalten Tag im winter 1978 geboren und wuchs in einem niedersächsischen Dorf als einziges Kind der Familie S. auf. Während ihre Großeltern noch als  03_bauern einen Hof bewirtschaftet hatten,  betrieben ihr 01_vater Karl S. und ihre 02_mutter Margot S. einen kleinen 04_geschäft für Gemischtwaren im Dorf. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag verließ Karin S. 05_adolfsglück, um nach 06_berlin zu gehen. Am 17. April 1996 kam Karin S. am Bahnhof 07_alexanderplatz an. Karin S. verdingte sich jahrelang als Bardame in einem 10_Casino, bevor sie ihre eigene Catering-Firma gründete und die Verpflegung eines großen ansässigen 09_fussball-Klubs übernahm. Sie war bekannt als “Eine, die hart arbeitet ohne zu jammern und weiß, wie man sich durchbeisst.” In der wenigen freien Zeit, die ihr neben ihrer beruflichen Tätigkeit blieb, ging Karin S. gerne ins museum oder spielte 08_squash, um sich, wie sie es nannte, “den Kopf frei zu spielen”. Kollegen berichten, dass Karin S. nach eigener Aussage “keine Zeit für eine Beziehung” gehabt und außerhalb ihres Berufslebens auch keine Kontakte zu anderen Personen gepflegt habe.

Tathergang

Am Vorabend ihrer Ermordung, es war etwa zum Zeitpunkt des sonnenuntergang klingelte das telefon von Karin S. Nach einem kurzen Gespräch betätigte ein bislang Unbekannter heftig den Klingelknopf an der Haustür von Frau S., was diese offensichtlich dazu veranlasste, ihre Wohnung zu verlassen und und zu dem Park zu fahren, in welchem am frühen Morgen ihr toter parkleiche2 gefunden wurde. Sie hatte zwei Einweg-Flugtickets nach newyork in ihrer Tasche, auch fehlten weder Geldbörse noch Schlüssel, so dass die Polizei Raubmord als Tatmotiv ausschließt. Unklar ist jedoch das tatsächliche Hintergrund der Tat, ebenso tappt die Polizei bei ihrer Suche nach dem Täter im Dunkeln. Auch konnte bislang keine schlüssige Erklärung für die Flugtickets gefunden werden.

Hinweise aus der Bevölkerung zum Tathergang, Tatmotiv sowie zur Person des Täters werden jederzeit entgegen genommen. Bitte nutzen Sie hierfür die Kommentarfunktion am Ende des Protokolls.

grab

Interview, Gertrude

10 Fragen für jeden. Heute: Gertrude.

Wo möchtest Du leben?
Außer in Berlin? In Kopenhagen vielleicht. Aber ich bin schon recht glücklich, dass ich hier leben darf.

Deine Lieblingsheldin in der Wirklichkeit?
Frida Kahlo und Tina Modotti.

Welche Eigenschaften schätzt Du bei einer Frau am meisten?
Geduld, Sanftmut und die Fähigkeit, etwas wirklich mitfühlen zu können.

Was schätzen Deine Freunde an Dir am meisten?
Meine Neugier und mein Mut.

Deine Lieblingsblume?
Margeriten – auch wenn es sicherlich prächtigere Blumen gibt.

Dein Lieblingsname?
Elisabeth – dieser Name adelt seine Trägerin. Er ist nicht nur edel, sondern von königlicher Würde.

Welche Reform bewunderst Du am meisten?
Es ist immer noch unglaublich, dass aus dem menschenvernichtenden nationalsozialistischen System in Deutschland innerhalb kürzester Zeit im Westteil des Landes eine Demokratie entstehen konnte. Die Menschen waren schließlich dieselben, nur dass sie durch einen verheerenden Krieg gegangen waren. Aber dass sie die Prinzipien eines demokratischen Staates so schnell verstanden und angenommen haben, dass erstaunt mich jeden Tag wieder. Wäre alles anders gekommen, wäre ich auch schon längst nicht mehr hier – und damit meine ich nicht die Anwesenheit an diesem Ort, sondern mein irdisches Leben ansich …

Dein Motto?
Das Leben ist zu kurz, um sich allzu lange zu grämen.

Dein letzter Suchmaschineneintrag?
“Fingerling”

Ein Lied, das Dich berührt?
Fado ist meine Musik – insbesondere wenn es sich um eine weibliche Sängerin handelt, geht mir die Musik nahe.

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10 questions each person. Today: Gertrude.

Where do you want to live?
Except in Berlin? Maybe in Copenhagen. But on the other side I’m pretty happy that I can live here.

Who is your heroine in reality?
Frida Kahlo and Tina Modotti.

Which character do you appreciate about women?
Patience, gentleness and the ability to feel for someone.

What do your friends like most of all about you?
My curiosity and my courage.

What is your favorite flower?
Marguerite – even if it’s not the “grande dame” of the flowers.

What is your favorite name?
Elisabeth – it’s a name which turnes a girl into a lady. It is not only noble, no it is really queenly.

Which is the most important reformation in your eyes?
For me it is still unbelievable that the destructive nazi system in Germany changed into a democratic state in the western part in such a short time period. The citizens were the same as before, they only survived this devastating war. However, that they were able to understand and adopt the principles of democracy so fast is still astonishing for me. If this would not have happened I would not have been here, and I’m not talking about the place where I am know I mean my life on this earth …

What is your slogan?
Life i too short to be sad for a longer while.

Your last search engine entries?
“Fingerling”

A song that makes you sentimental?
Fado is my music. Especially if the singer is female because then, the music is going through my heart and soul.

Interview, Emma

10 Fragen für jeden. Heute: Emma.

Was ist für Dich das größte Unglück?
Identitätsverlust. Eines morgens aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, was gestern gewesen ist.

Deine Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Martin Luther King.

Welche Eigenschaften schätzt Du bei einem Mann am meisten?
Pragmatismus und Rationalität.

Dein Hauptcharakterzug?
Ehrlichkeit.

Deine Lieblingsfarbe?
Purpur. Milchweiß.

Dein Lieblingsregisseur?
Jim Jarmusch und Sofia Coppola.

Welche geschichtlichen Gestalten verachtest Du am meisten?
Alle Dikatoren, die ihre Machtgelüste und ihren Hass an abertausenden Menschen ausgelebt haben.

Was macht Dir Angst?
Maikäfer.

Was hängt an Deiner Wand?
Ein abstrakte Landschaftssiebdruck von einem Freund.

Eine Webseite, die Du empfiehlst?
http://www.facity.de/.

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10 questions each person. Today: Emma.

What is the worst thing that could happen to you?
Loss of identity. Waking up one morning, and not knowing anymore what happened the days before.

Who is your hero in history?
Martin Luther King.

Which character do you appreciate about men?
Pragmatism and rationalism.

What is your main character trait?
Honesty.

What is your favorite color?
Magenta. Milk white.

Who is your favorite film director?
Jim Jarmusch and Sofia Coppola.

Who in history is the most condemned person for you?
All dictators who let out their eagerness for power and hate with destroying thousands and thousands of lifes.

What are you scared of?
Cockchafer.

What’s on your wall?
A screenprint with an abstract landscape made by a befriended artist.

Your recommended website?
http://www.facity.de/.

Kurzes Vaterglück

“Erst vor wenigen Tagen hatte der Dackel Monster ein Tigerbaby adoptiert, nun ist der neun Jahre alte Rüde vom Postauto überfahren worden. “Er wollte nur raus, um sein Geschäft zu verrichten,” sagte Almuth Ismer, die Besitzerin von Monster und zugleich die Pflegerin des kleinen Tigers im Tierpark Ströhnen.”
Aus der Berliner Zeitung . Nummer 117 . Freitag, 22. Mai 2009

Die Adoption von artfremden Lebewesen scheint in der göttlichen Planung nicht vorgesehen. Ein tragischer Vorfall nach dem anderen lässt vermuten, dass Mutter Natur sich nicht gerne ins Handwerk respektive die Brut- und Nachwuchspflege pfuschen lässt. Nachdem der Adoptivvater (ein Mensch) von Knut (ein Eisbär) viel zu früh das zeitliche segnete, musste auch Papa Monster (ein Dackel) seinem anvertrauten Schützling (ein Tiger) schneller als gedacht auf immer “Lebewohl” sagen. Während im erstgenannten und weitaus bekannteren Beispiel schon mehr oder weniger taugliche Lösungsansätze zur Überwindung der naturbedingten Barrieren ersonnen worden sind (“Knut, ich will ein Kind von Dir!”), war es im letztgenannten Fall vielleicht besser so, dass der Rüde einen tödlichen Schicksalsschlag erlitten hat. Denn zum Todeszeitpunkt des frisch gebackenen Vaters dürfte das Tigerbaby in etwa des Hundes körperlicher Statur entsprochen haben. Nicht auszudenken wie die Schlagzeilen in ein paar Monaten ausgesehen hätten:
“Monster: Sohn tötet Vater. B*/B*** klagt an: Was machen unsere Politiker gegen brutale Jugendliche?”

Im Jahr 1979 stießen zwei Waldarbeiter zufällig im Gebiet um das wilde Kaisergebirge herum auf die sterblichen Überreste meines Vaters. Lange hatte die Polizei meinen Vater vergeblich gesucht und nahezu das ganze Waldgebiet nach ihm durchkämmt, nachdem sein Auto verlassen auf einem Bergparkplatz nahe Ellmau gefunden worden war.

Im Herbst 1977 waren wir gerade bei meiner Patentante auf dem Land zu Besuch – meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich – als meine Großmutter väterlicherseits besorgt anrief, weil mein Vater am Tag zuvor nicht von seiner Wanderung in den Bergen zur Pension, in der er und seine Mutter für ein paar Tage verreist waren, zurückgekehrt sei. Sie habe schon die Polizei verständigt, so meine Großmutter, und die hätten den Wagen meines Vaters auch schon gefunden.
Meine Mutter war außer sich vor Sorge, und telefonierte anschließend mit ihrer Mutter, um sie zu bitten, zu uns zu kommen, da meine Mutter dringend seelischen Beistand benötigte. Meine Großmutter mütterlicherseits sah keine Notwendigkeit ihrer Tochter in diesen schweren Stunden beizustehen und ließ uns eiskalt abblitzen. Meine Mutter war allein mit uns.

Zwischen dem Tag der grauenhaften Wahrheiten – es konnte ja vieles passiert sein, war er verschwunden, abgehauen, aber warum, oder tot? – und dem Tag der endgültigen Gewissheit lagen ganze zwei Jahre. Und selbst mit dem offiziellen Tod meines Vaters war nicht alles so klar, dass es einen friedvollen Abschied für meine Mutter hätte geben können. Hatte er Hand an sich gelegt? War es vielleicht sogar Mord? Oder war es doch ein Unfall?

Das Skelett meines Vaters wurde nach Deutschland überführt und eingeäschert. Zur Beerdigung brachte mein Onkel, der jüngere Bruder meines Vaters, meinem Bruder und mir eine Packung mit Weinbrandpralinen “Die mit der Kirsche” mit, und ich hasse das Zeug heute noch.

Mein Bruder war knapp 24 Wochen auf der Welt, ich zählte etwa 28 Monate, mein Vater war 33 Jahre alt, als die Seele meiner Mutter endgültig gestorben ist.

mein_vater

erster_mai

Am ersten Mai, um 21:14:47 klingelte das Mobiltelefon zum Vierzehntenmal, bevor H. den Anruf entgegen nahm. In der Leitung knackte es ein paar Mal, bevor H. verstehen konnte, was B. in die Hörermuschel schrie. “Ich komme hier nicht mehr raus … Wir sind einge … ” Dann brach die Verbindung ab.

Am Morgen war H. aufgewacht, weil Lärm in der Küche sie geweckt hatte. B. lag nicht mehr neben ihr, also vermutete sie, dass er den Radau veranstaltete. H. schlüpfte in ein rotes Hemd, das auf dem Stuhl neben dem Bett lag und ging in die Küche um nachzusehen, was der Anlass für den frühmorgendlichen Krach war. “Sch… ” brüllte B. Um ihn herum waren die Scherben der gelben Teekanne verteilt, die er H. zum Geburtstag vor 3 Jahren geschenkt hatte. Am Tisch saßen T. und S. und rauchten Selbstgedrehte. Keiner machte Anstalten, B. zu helfen, der fluchend in der sonnendurchflutenden Küche stand. “Moin,” sagte T., und S. nickte stillschweigend einen Morgengruß dazu. B. drehte sich um und sagte mit schuldbewußtem Lächeln “Tschuldige, die Kanne is mir runtergefallen. Sch.. aber auch. Bin zu nervös heute morgen. Bist jetzt aufgewacht, wa?” H. drehte sich wortlos um und drehte den Schlüssel im Bad zweimal um. “Warum macht er das?” fragte sie sich, während sie das rote Hemd abstreifte.

Als H. gegen 11 Uhr das Haus verlies, war auf der Straße schon eine Menge los. Die Leute eilten durch das gleisende Licht an ihr vorüber, und es war seltsam still um sie herum. Da die Straße schon abgesperrt war, waren kaum Autos unterwegs. H. lief die Straße herunter, bog beim Blumenladen links um die Ecke und überquerte die nächste Kreuzung. Im “Café am Park” setzte sie sich an einen der Tische, die noch frei waren und wartete. Nach ungefähr 6 Minuten kam L. “Du bist heute aber pünktlich, meine Liebe,” sagte L. und wirkte ein wenig außer Atem. “Ich bin unruhig,” antwortete H. “Irgendetwas passiert heute.” “Klar,” lachte L. “Heute ist der erste Mai, und wir sind mittendrin.”

Als H. zusammen mit L. das Café verlassen hatte, klingelte ihr Telefon. “Hey, wo bist Du?” raunte H. in den Hörer. “Wir sind gerade bei T. – Lagebesprechung, weißt doch,” antwortete B. H. schwieg. “Das mit der Kanne tut mir furchtbar leid, meine Herzdame. Ich weiß doch, wie sehr Du an ihr gehangen hast. Ich besorg’ Dir einfach eine neue, ja?” H. schluckte, bevor sie etwas sagen konnte.

“Musst da heute abend mitgehen? Muss das wirklich sein? Ich habe so ein komisches Gefühl …”

“Ach Quatsch, mach Dir mal keine Sorgen. Is so wie jedes Jahr. Un wir kämpfen doch für ne gute Sache. Irgendwer muß ja sein’ Mund aufmachen und denen sagen, dass es so nich läuft.”

“Ja, is schon klar. Aber trotzdem. Irgendwas ist anders heut.”

“Herzdame, ich muß los. Nicht böse sein, ja. Wir sehen uns um Zehne in der Zeche, ja?”

“Ja, is gut. Bis später.”

Gegen 21 Uhr kamen H. und L. in der Zeche an. Der Laden war schon gerammelt voll, kaum dass sie zur Bar vordringen konnten. Mit Getränk in der Hand drängelten sie sich durch die Menge auf die Terrasse. Der Abend war ziemlich lau für die Frühlingszeit. Die Musik war so laut aufgedreht, dass sich H. und L. per Zeichensprache verständigen mussten. Um 21:14:47 klingelte das Mobiltelefon und H. nahm nach dem vierzehnten Klingeln ab.

Um 23:51:13 klingelte das Telefon von H. zum letzten Mal an diesem ersten Mai. “Frau H.W.? Sie sind die Lebensgefährtin von B.B.?” meldete sich eine fremde Männerstimme. “Ja, das bin ich,” antwortete H. trocken. “Wir haben Ihnen eine traurige Mitteilung zu machen, Frau W. Herr B. ist heute gegen 22:00 bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Leider kam jede Hilfe zu spät. Wir haben versucht, Sie in Ihrer Wohnung zu erreichen. Normalerweise rufen wir nicht …” H. hatte ihr Telefon auf den Asphalt fallen lassen. Sie konnte nichts mehr hören. Es war still.

sonnenzeichen

Ich wache um 5:32:07 auf und es ist schon hell draussen. Ich frage mich, ob es ein guter Tag werden wird, heute am 21. Juni. Das Stückchen Himmel, das durch den Spalt der Schlafzimmergardinen zu sehen ist, ist sehr blassblau, fast weiß. Ob es bewölkt ist, heute? Ich setze mich langsam im Bett auf, reibe mir die Augen, strecke die Arme, gähne. Es wird ein langer Tag heute.

Um 06:54:19 betrete ich das Büro. Um diese Uhrzeit ist es noch ganz still um mich herum, Kollegin B. kommt immer erst gegen 9, und die anderen Räume entlang des Ganges auf Stock III füllen sich ab halb 8. Es ist noch genug Zeit für mich übrig, Kaffee aufzusetzen, die Palme zu gießen, die Anträge des gestrigen Tages durchzugehen und in die Aktenschränke zu sortieren. Es ist die leichteste Zeit des Tages, ich kann meinen Ritualen folgen und muss nicht plötzlich anders reagieren, als ich es gewohnt bin. Das wird später wieder anders sein, wenn die Kollegen ihr “Guten Morgen” murmeln und die Antragssteller Nummer 1 bis 267 kommen.

“Ihr Name bitte?” Bis jetzt läuft alles gut. Heute gab es keine Ausfälle, kein Gezeter, keine Geheule. Ich fülle die Anträge aus, trage den Antragsgrund ein, drucke aus, stempele ab und schicke den Antragssteller in Abteilung ZVA – 103 bis 107. Kollegin B. ist heute maulfaul, was mir sehr recht ist. Sie redet manchmal wie ein Wasserfall auf mich ein, erzählt von den Sorgen mit der Tochter, über den Nachbarn, der immer so grantig ist und gerne immer wieder darüber, dass alles immer schlechter wird. Ich finde nicht, dass die Zeiten schlechter werden, sie werden auch nicht besser, sie sind halt wie sie sind. Aber ich gebe trotzdem immer nur zustimmende Laute von mir, ich will nicht widersprechen, das führt nur zu Diskussionen.

Früher war alles mal anders. Früher als ich mit Annecke durch China gereist bin, als wir in Peking waren, an der großen Mauer und in Shanghai. Ich hatte Annecke in der Tram 11 zum ersten Mal gesehen, sie saß da in einem roten Kleid mit großen weißen Punkten darauf, die Beine überkreuz und biss in einen giftgrünen Apfel. Der Saft lief über ihr Kinn und tropfte auf das Kleid, aber Annecke schien es nicht zu bemerken. Ach meine Annecke, wie schön Du warst an diesem Sommertag! Ich bot ihr ein Taschentuch an, und sie blickte mich mit ihren großen Augen direkt und lange an, bevor sie das Tuch nahm und sich damit über das Kinn wischte. Ich muß mutig gewesen sein damals, denn ich lud sie auf einen Kaffee ein und Annecke schien über so viel Dreistigkeit gar nicht erstaunt zu sein. Wir gingen in ein kleines Café am Markt und sie plapperte munter drauflos, als ob sie mich schon Jahre kennen würde. Ich hörte ihr einfach nur zu und wusste, dass sie die Frau meines Lebens ist. Seit diesem Tag waren wir unzertrennlich. Wir teilten mein winziges Zimmer in der R.Gasse und träumten davon, nach China zu reisen. “China”, sagte Annecke, “China ist ein Land mit einer sehr alten Kultur, vielen Menschen und einer wunderschönen Sprache. Einmal in meinem Leben muss ich dahin, denn ich will dieses Wunderland mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören können!”

Aber wir hatten nur wenig Geld, und so fuhren wir mit unseren Fingern auf der Landkarte in meinem alten Schulatlas die Orte ab, die wir so gerne besucht hätten. Wir waren in Peking und haben den Kaiser in der verbotenen Stadt unsere Aufwartung gemacht. Wir sind die ganze Chinesische Mauer entlang gewandert und haben uns Shanghai von ganz oben angesehen. Ach Annecke, nie werde ich Deine schönen glänzenden Augen vergessen, wenn Du mir von China erzählt hast.

An einem eisigen Tag im Januar kam Annecke von ihrem Arzt. Sie blickte mich still und ernst an, sie schwieg lange, bevor sie mir sagte, was der Doktor diagnostiziert hatte. “Krebs, ich habe Krebs, mein Liebster.” Und es war nichts, was wir hätten tun können. Meine Annecke schwand von Tag zu Tag, sie wurde durchscheinend wie das Taschentuch, das ich ihr bei unserem ersten Zusammentreffen gegeben hatte, damit sie sich den Apfelsaft vom Kinn tupfen konnte. Am 21. Juni, dem Tag an dem die Sonne am längsten scheint im Jahr, schloß Annecke ihre wunderschönen Augen für immer. An diesem Tag war es kalt und leer um mich herum, und in China weinte der Kaiser um meine Annecke bittere Tränen.

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